Neu in Führung – Plötzlich Chef
Sie haben – vielleicht sogar jahrelang – auf ein Ziel hingearbeitet: Endlich Führungsverantwortung zu übernehmen. Für dieses Ziel haben Sie gekämpft, Zeit und Geld in Ihre Weiterbildung investiert, durch Einsatz und Ergebnisse überzeugt. Nun ist der lange angestrebte Augenblick da. Als Führungskraft übernehmen Sie Verantwortung für die Ziele der Firma, das Wohlergehen Ihrer Mitarbeiter und den Erfolg Ihrer Abteilung. Nicht immer geht der Übergang reibungslos vonstatten. Vor kurzem waren Sie noch Kollege, jetzt sind Sie Chef – die neue Situation stellt nicht nur Sie vor große Herausforderungen, sondern auch Ihre künftigen Mitarbeiter. Sie treffen Entscheidungen über Arbeitszeiten und -abläufe, Neuanschaffungen, Urlaubsregelungen. Nicht immer sind diese populär: Als Chef sehen Sie sich nicht nur mit gestiegenem Arbeits- und Leistungsdruck konfrontiert, sondern unter Umständen auch mit Konflikten und Meinungsverschiedenheiten. Damit Ihr Karrieretraum nicht zum Alptraum wird, haben wir für Sie Tipps zusammengestellt, wie Sie die ersten 100 Tage als Chef souverän meistern.
1. Kollege war gestern, heute ist Chef: Rollenwechsel mit Ankündigung
Ein Führungswechsel in einer Abteilung löst häufig Unsicherheit aus. Kommt der “Neue” aus dem Kreis früherer Kollegen, verlangt die Situation ihm besonders viel diplomatisches Fingerspitzengefühl ab. Als Führungskraft stehen Sie vor der Herausforderung, Autorität auszustrahlen ohne autoritär zu wirken. Sie müssen Distanz schaffen, wo vorher Nähe war – etwa, wenn Sie mit ehemaligen Kollegen aus gemeinsamen Arbeitszeiten ein kameradschaftliches Verhältnis haben. Auch auf Neider müssen Sie sich gefasst machen: Gut möglich, dass jemand sich selbst für den Beförderungskandidaten hielt, sich nun übergangen fühlt und Sie das spüren lässt. Dabei haben Sie doch eigentlich alle Hände voll zu tun, sich in Ihr neues Gebiet einzuarbeiten, und gar keinen “Kopf”, um sich mit solchen “Befindlichkeiten” zu befassen – oder? Einer der häufigsten Anfangsfehler besteht darin, den “ersten Eindruck” zu unterschätzen, den Ihr Führungsstil hinterlässt. Ihre Mitarbeiter wollen in ihren Bedürfnissen Ernst genommen werden – doch klare Vorgaben sind ebenso wichtig.
Bereiten Sie sich gut auf Ihre neue Rolle vor und finden Sie Ihren persönlichen Stil. Kumpelhaftes Auftreten – schließlich war man ja schon länger auf Du! – sind ebenso fehl am Platze wie autoritäres Gehabe (jetzt bin ich hier der Chef!) Ganz besonders gilt es, widersprüchliche Signale zu vermeiden und aus Unsicherheit mal ins eine, mal ins andere Extrem zu verfallen – die Schäden für Ihre Glaubwürdigkeit sind später nur schwer zu reparieren. Zögern Sie nicht, professionelle Seminare oder Coachings zu besuchen und für Ihren Auftritt als Chef zu “proben” – Feedback hilft Ihnen, sich selbst besser einzuschätzen!
2. Wer ist hier der Chef? – Konflikte lösen und Dissens ertragen
Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie in Ihrem bisherigen Berufsleben innerlich auf Ihren Chef geschimpft, weil ein dringend benötigter freier Tag für die Hochzeit des besten Freundes, bei der Sie Trauzeuge sein sollten, mit einem wichtigen Projekt kollidierte, Ihnen in einer stressigen Situation noch mehr abverlangt wurde oder Ressourcen gekürzt wurden, die im Alltag fehlten? Jetzt sind Sie selbst der Chef, der die Interessen von Unternehmen und Beschäftigten gegeneinander abzuwägen und bestmöglich in Einklang zu bringen hat. Aus Ihrer eigenen Zeit als Mitarbeiter wissen Sie, dass nicht immer alle glücklich über Ihre Entscheidung sein werden, und als Chef wissen Sie, dass Sie sie trotzdem treffen müssen. Gibt es einen Konflikt im Team, wird von Ihnen erwartet, dass Sie eingreifen – möglichst so, dass alle Beteiligten das Gesicht wahren, aber auch so, dass der Konflikt danach beigelegt ist und Absprachen eingehalten werden. Diese Situationen sind ein Grundkonflikt der Führungsrolle. Wie gut Ihr Wille auch sein mag: Sie werden es nicht immer allen recht machen können. Versuchen Sie es doch, laufen Sie Gefahr, die eigentlichen Ziele aus dem Blick zu verlieren.
Lernen Sie, auch unpopuläre Entscheidungen souverän zu treffen und Dissens auszuhalten. Auch hier ist der Mittelweg die beste Option: Sie müssen weder aus reinem Prinzip mit dem sprichwörtlichen “Holzhammer” vorgehen, noch müssen Sie einen “Kuschelkurs” verfolgen, der alle glücklich und Sie beliebt macht. Halten Sie sich vor Augen, dass Sie stets Ihr Bestes tun, um alle Interessen unter einen Hut zu bringen – mehr als das können Sie nicht tun. Zollen Sie sich dafür Anerkennung, anstatt sich mit Gewissensbissen zu plagen!
3. Die eigene Leistungsfähigkeit fest im Blick: Work-Life-Balance
Führungskräfte sehen sich ständig mit hohen Anforderungen an die eigene Leistungskraft konfrontiert. Ihre Arbeitsbelastung ist hoch, gleichzeitig müssen Sie die Organisation der Abteilung, die Verteilung von Aufgaben und die Ziele im Augen behalten. Eine junge Chefin drückt es im Gespräch mit dem Manager-Magazin so aus: “Früher konnte ich sagen: Das geht auch ohne mich, das soll eben der Chef machen. Jetzt aber bin ich der Chef.[1]” Achtstundentage sind für Führungskräfte eher die Ausnahme. Da ist die Gefahr groß, sich selbst zu überfordern – im Extremfall drohen besonders engagierten Chefs Burn-out und krankheitsbedingte Ausfälle, die das gerade erst erreichte Karriereziel sofort wieder gefährden. Um Ihre Leistungsfähigkeit auf einem konstant hohen Niveau zu halten, dürfen Sie deshalb Ihre eigenen Bedürfnisse nie aus dem Blick verlieren.
Gehen Sie gut mit sich selbst um. Schaffen Sie zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen Freiräume, in denen Sie Ihrem Bedürfnis nach Entspannung und Ausgleich Raum geben. Egal, ob Sie einer Sportart nachgehen, ein Musikinstrument spielen, eine Entspannungstechnik erlernen oder sogar spezielle Kurse für die richtige Balance im Leben besuchen: Reservieren Sie Zeiträume, die nur Ihnen gehören. “Dafür habe ich keine Zeit” gilt nicht – alles andere planen Sie ja auch in Ihre täglichen Abläufe ein!
4. Führen mit Persönlichkeit(en): Die Gestaltung der Führungsrolle
Chefs kommen sich mitunter vor wie eine Mischung aus Psychologe, Polizist und Raubtierdompteur: Mal sollen Sie zuhören und motivieren, mal klare Entscheidungen treffen und die Einhaltung von Absprachen durchsetzen, mal Grenzen setzen, kritisieren und durchgreifen. Das schnelle Durchlaufen so vieler einzelner Rollenbilder fällt nicht allen leicht. Längst geht die moderne Führungslehre davon aus, dass Führung situativ ist – von heutigen Chefs wird also verlangt, sich schnell auf Situationen einzustellen und ihnen angemessen zu handeln. Das bedeutet aber nicht, dass Ihre eigene, ganz individuelle Führungspersönlichkeit zu kurz kommen sollte. Denn um in all diesen unterschiedlichen Rollen glaubwürdig zu sein, sollten Sie vor allem eines besitzen: Authentizität. Wer mit Ihnen zu tun hat, muss Ihnen abnehmen, dass hinter allen unterschiedlichen Rollen, die Sie am Arbeitsplatz einnehmen, doch immer die gleiche Persönlichkeit steht – und für Kontinuität im Führungsstil sorgt.
Verwechseln Sie niemals Persönlichkeit und Rollenbild. Lernen Sie, Ihre eigene Persönlichkeit in alle Rollen zu integrieren, die Sie als Chef spielen. Ihr Stil ist Ihr Markenzeichen, Ihr Fingerabdruck – und so unverwechselbar wie Sie selbst. Wer Gefahr läuft, die eigene Persönlichkeit aus den Augen zu verlieren oder sich mit bestimmten Rollenbildern noch schwer tut, sollte mit einem Coach arbeiten: Rollen übt man ein, Ihre Persönlichkeit ist kontinuierlich!
Plötzlich Chef: Die Checkliste
- Gestern Kollege, heute Chef: Vermeiden Sie zu große Nähe, zu autoritäres Auftreten und vor allem widersprüchliche Signale!
- Verfolgen Sie eine klare, nachvollziehbare Linie – so stärken Sie Ihre Glaubwürdigkeit!
- Lernen Sie, Dissens zu ertragen. Ihre Mitarbeiter wollen einen Chef, den Sie achten und respektieren, keinen Popstar zum Liebhaben!
- Verlieren Sie nie die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick, schaffen Sie Balance!
- Lernen Sie, Führungspersönlichkeit und Rollenbilder zu unterscheiden!
[1] Marike Frick: “Aufstieg: Gestatten, Chef.” in: manager magazin, Onlineausgabe 24.06.2010, http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,702204,00.html
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