Intuition im Entscheidungsmanagement: Illusion oder Chance?

Das berühmte “Bauchgefühl” wird im Alltag öfter beschworen: Gerade, wenn es um wichtige Entscheidungen im privaten Bereich geht, raten uns andere oft, auf unseren Bauch zu hören oder unserem Herzen zu folgen. Im Berufsleben sieht das etwas anders aus. Gerade von Führungskräften werden rationale Beurteilungen und Entscheidungen erwartet, die Emotionen und persönliche Einstellungen nach Möglichkeiten außen vor lassen. Intuitive Entscheidungen, so die gängige Meinung, haben dort nichts verloren, wo es um Verantwortung, die Zukunft des Unternehmens, Jobs und viel Geld geht. Dass das nicht immer praktikabel ist, wird längst eingeräumt. Immer öfter ist jedoch auch die Frage zu hören, ob die Ausklammerung von Intuition aus dem Berufsleben überhaupt wünschenswert ist – oder ob Intuition im Gegenteil eingesetzt werden kann, um den eigenen Führungsstil und die Erfolgsaussichten wichtiger Entscheidungen nachhaltig zu verbessern. Lesen Sie in unseren Praxistipps, warum Sie Bauch, Herz oder “innerer Stimme” eine Chance geben sollten.

1. Intuition: Hirngespinst oder echte Fähigkeit?

“Der erste Gedanke ist der Beste!” Die Gültigkeit dieses Sprichwortes – auch und gerade im Berufsleben – bestätigen Führungskräfte in Umfragen. Viele geben an, dass sich die erste Lösung für ein Problem, die ihnen spontan in den Sinn kam, als die praktikabelste und beste erwiesen hätte. Während Instinkt und Intuition früher oft belächelt und zum Teil in die Nähe esoterischer Scharlatanerie gerückt wurden, wurde spätestens mit Freuds Konstruktion des Unterbewussten und C.G. Jungs Definition der Intuition als psychologische Grundfunktion ein Umdenken erkennbar. Seither wurde in Studien belegt, dass sich hinter intuitiven Entscheidungen komplexe kognitive Prozesse verbergen, die oft eher zu erfolgreichen Beschlüssen führen als vermeintlich “bewusstes”, rationales Abwägen.

Tun Sie Ihre Intuition, ihr Bauchgefühl oder spontane Eingebungen keinesfalls als irrational ab: Es handelt sich um eine Ressource, die Ihnen im entscheidenden Augenblick den nötigen Vorsprung verschaffen kann!

2. Warum intuitive Entscheidungen?

Niemand wird bestreiten, dass unser Lebensumfeld von hoher Komplexität und hohem Tempo geprägt ist. Viele Abläufe bringen daher die bewusste Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen an ihre Grenzen – in vielen Bereichen, zum Beispiel im Cockpit eines Flugzeuges, werden deshalb Computer eingesetzt und Abläufe automatisiert. In der Führungsetage eines Unternehmens ist eine solche Automatisierung nicht möglich. Hier laufen zu viele Fäden zusammen, steht zu viel auf dem Spiel, als das allein aufgrund von Berechnungen oder Statistik entschieden werden könnte. Es ist jedoch auch belegt, dass die menschliche Wahrnehmung über das, was wir im Laufe eines Tages bewusst verarbeiten, weit hinausgeht: Intuition, die Autor Jürgen Wunderlich in seinem gleichnamigen Buch auch als “die unbewusste Intelligenz” bezeichnet, bezieht also gegebenenfalls Informationen ein, die für “rationale”, also bewusste Entscheidungen und Handlungen nicht zugänglich sind.

Intuitive Entscheidungsprozesse sind also nicht nur eine Option, sondern angesichts der steigenden Komplexität von Arbeitsabläufen sogar eine Notwendigkeit. Lernen Sie, diese Chance zu nutzen – die Empfänglichkeit für Botschaften des Unterbewussten lässt sich trainieren!

3. Lässt sich Intuition gezielt abrufen?

Coaches, die immer mehr mit Gefühls- und Wahrnehmungsmanagement arbeiten, beantworten die Frage mit einem klaren Ja. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung eigener Instinkte und Eingebungen ist grundsätzlich angeboren, wird aber oft im Lauf eines Lebens, in dem wir aufgefordert sind, Vernunft und Verstand einzusetzen und uns davon leiten zu lassen, verlernt oder vergessen. Intuitive Impulse haben eine andere Erscheinungsform als ein “rationaler” Gedanke, der oft als fertige Formulierung vor uns steht. Sie können sich in Bildern oder Assoziationen verbergen, die sich scheinbar unmotiviert und willkürlich in einen Gedankengang drängen. Oft sprechen Menschen auch lediglich davon, dass sie bei einer Sache ein gutes oder schlechtes “Gefühl” haben, ohne dieses Gefühl genauer benennen zu können.

Nehmen Sie sich die Zeit, spontane Sinneseindrücke oder eine Erinnerung, die plötzlich und scheinbar zusammenhanglos auftaucht, genauer zu betrachten und nach ihrer möglichen Bedeutung für Ihr aktuelles Problem zu hinterfragen. So trainieren Sie gezielt die Fähigkeit, Botschaften des Unterbewussten nicht auszublenden, sondern bewusst wahrzunehmen und zu erschließen.

4. Intuition – das Ende des rationalen Denkens?

Hier ist die Antwort ein klares “Nein”. Experten glauben, dass es – um in der Terminologie des “Bauchgefühls” zu bleiben – neben dem Hirn eine Art “Bauchgehirn” gibt, und dass beide Zentren miteinander interagieren. Während inzwischen erwiesen ist, dass mehr Analyse, genaueres Abwägen und die Hinzuziehung so vieler objektiver Fakten wie möglich nicht zwangsläufig zu treffsichereren Entscheidungen führt, haben all diese Faktoren ebenso ihre Daseinsberechtigung und ihren Nutzen wie die “innere Stimme”. Es kommt letztlich wie in fast allen Bereichen darauf an, den richtigen Mittelweg zu finden, um beurteilen zu können, wann welche Strategie angewendet werden sollte. Sie kommen trotz aller Erfahrungen, Statistiken, Wirtschaftsprognosen und Gutachten nicht weiter? Überlegen Sie, ob sich Ihnen im Hinblick auf die anstehende Entscheidung ein spontanes Gefühl oder ein Eindruck aufdrängt, dem sie bislang kein Gehör geschenkt haben. Sie versuchen, in sich hineinzuhören, aber die innere Stimme schweigt sich hartnäckig aus? Dann ist vielleicht eine “rationalere”, objektivere Herangehensweise gefragt.

Versuchen Sie nicht, eine intuitive Entscheidung zu erzwingen, wenn Sie aufgrund verfügbarer Informationen sicher sind, das Richtige zu tun – aber auch nicht, sich über ihre innere Stimme ganz und gar hinwegzusetzen, wenn diese sich hartnäckig bemerkbar macht. Der Einsatz bewusster und unbewusster Intelligenz ist situativ – lassen Sie beide Seiten zu.

5. Intuition und Interaktion

Intuition spielt nicht nur im Bereich des Entscheidungs- oder Change Managements eine Rolle. Sie kann auch in vielen anderen Bereichen eingesetzt werden. Welchen spontanen Eindruck haben Sie von einem Mitarbeiter, einem Kunden, einem Konkurrenten, einem potentiellen Geschäftspartner? Auch die für Führungskräfte wichtige Fähigkeit, Menschen einzuschätzen, hat viel mit dem “Bauchgehirn” zu tun. Intuition und Empathie gehen Hand in Hand und helfen Ihnen, Verkaufs- oder Reklamationsgespräche erfolgreich zu führen. Auch hier gilt: Objektive, rationale Kriterien wie z.B. Körpersprache und Auftreten Ihres Gegenübers können Ihnen vieles sagen und sollten nicht ausgeklammert werden. Ihre Intuition kann jedoch Erkenntnisse beisteuern, die sich über oberflächliche Informationen nicht erschließen.

Sobald Sie gelernt haben, Ihre intuitive Seite zu nutzen, können Sie sie besonders Erfolg versprechend in der Interaktion mit anderen Menschen umsetzen. Verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf das, was Sie sehen oder hören, sondern ermitteln Sie gezielt, welches Gefühl oder welchen Eindruck das Gegenüber bei Ihnen hinterlässt!

Intuition: Die Checkliste

  • Geben Sie Bauch, Herz und innerer Stimme eine Chance!
  • Trainieren Sie Ihre Fähigkeit, intuitive Eindrücke wahrzunehmen und zu nutzen!
  • Profitieren Sie von der Verbindung zwischen rationaler und unbewusster Intelligenz und erweitern Sie dadurch Ihren Handlungsspielraum!
  • Lernen Sie, auf scheinbar bedeutungslose und/oder willkürliche Eindrücke und Impulse zu achten!
  • Beziehen Sie intuitive Eindrücke besonders mit ein, wenn es darum geht, sich ein Bild von anderen Menschen zu machen – oft liefern sie eine optimale Ergänzung des “objektiven” Eindrucks.

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