Wenn der Schuster die Leisten wechselt – Neuorientierung im Berufsleben

Mord statt Sport – Eine ungewöhnliche Schriftstellerkarriere

Jo Nesbø wurde mit allen wichtigen skandinavischen Schriftstellerpreisen ausgezeichnet. Er hat sich als erfolgreichster Kriminalautor Norwegens etabliert, seine Thriller verkauften sich allein dort über eine Million Mal und wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Als er mit Ende dreißig seine Stelle als Finanzanalytiker bei Norwegens größtem Börsenmakler kündigte, war er bereits eine nationale Berühmtheit: Die Alben der Band, für die er Songs schrieb und als Sänger auf der Bühne stand, zählten zu den meistverkauften des Jahrzehnts. Und dabei hatten Nesbøs Karrierepläne eigentlich schon lange vor dem Abitur festgestanden. Er wollte Profi-Fußballer beim englischen Erstligisten Tottenham werden.

Berufswechsel – ein soziologisches Phänomen und die Beweggründe

So schillernd und vor allem so erfolgreich verlaufen Richtungswechsel in der beruflichen Orientierung nicht immer. Dennoch wollen oder müssen immer mehr Menschen sich im Laufe Ihres Berufslebens umorientieren, und immer weniger arbeiten bei Erreichen des Rentenalters in dem einmal erlernten Beruf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Konjunkturell oder strukturell bedingter Verlust des Arbeitsplatzes, geringe Verdienstaussichten, mangelnde Karrieremöglichkeiten, Umzug, Änderung persönlicher Neigungen oder gesundheitliche Probleme, die die Ausübung des bisherigen Berufes unmöglich machen – das sind nur einige der Faktoren, die Menschen dazu bringen, ihre beruflichen Prioritäten neu zu setzen. Eine Untersuchung des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt: Bereits bei der ersten beruflichen Tätigkeit hat ein Fünftel der Absolventen den Ausbildungsberuf verlassen.

Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden

Wie lassen sich Misserfolge beim Abenteuer berufliche Umorientierung vermeiden? Wer den Weg – Berufswechsel – kennt, aber bisher nur vage Vorstellungen vom Ziel hat, sollte sich die Zeit für eine professionelle Karriereberatung nehmen. Nach der Leitlinie „Wo bin ich jetzt, wo will ich hin?“ werden Potentiale erschlossen und Perspektiven entwickelt, Neigungen und Fähigkeiten analysiert und vor allem klare Ziele formuliert. So lassen sich die eigenen Stärken effektiv einsetzen. Die Herausarbeitung eigener Erwartungen und Ansprüche an den Karrierewechsel hilft, Enttäuschungen zu vermeiden und Sackgassen zu erkennen. Ehrgeiz und Eigenmotivation sind zwar unerlässlich für einen erfolgreichen Karrierewechsel, aber auch eine Dosis Realismus kann nicht schaden: Nicht jedes literarische Erstlingswerk eines Börsenmaklers wird der Bestseller des Jahres.

Optimales Selbstmarketing

Die überzeugende Präsentation eigener Beweggründe und Ziele ist oft erfolgsentscheidend – ob bei der Bewerbung für eine Weiterbildung, eine neue Stelle, ein Ausbildungsangebot, ein Zweitstudium. Gerade Änderungen eigener Interessenschwerpunkte müssen überzeugend verkauft werden, sonst werden schnell persönliche Schwächen wie Unentschlossenheit und Inkonsequenz unterstellt. Wie also begründen, dass man als ausgebildeter Medienwissenschaftler noch einen Bachelor in Biochemie erwerben möchte? Zum Beispiel, weil man sich nach mehrjähriger Tätigkeit als Publizist und Journalist für das Aufgabengebiet Wissenschaftsmarketing weiterqualifizieren möchte. Bei der optimalen Eigenvermarktung kommt es auf Kreativität, Überzeugungskraft und Motivationsdarstellung an – Fähigkeiten, die sich trainieren lassen.

Alte Leisten – neu entdeckt

Bevor man allerdings Hals über Kopf vom Lokaljournalismus zur Chefredaktion von „Science“ kommen möchte, sollte analysiert werden, ob es Weiterentwicklungsmöglichkeiten am bisherigen Arbeitsplatz gibt. Werden vielleicht nur bestimmte Aspekte vermisst, etwa die Möglichkeit, mehr Verantwortung zu übernehmen, eigene Projekte zu leiten, während die Aufgabe an sich eigentlich doch „das Richtige“ ist? Auch hier lässt sich durch sorgfältige Standortbestimmung viel erreichen. Gegebenenfalls kann ein aufwendiger Berufswechsel mit Neuausbildung und -einstieg vermieden werden. Die gezielte Weiterentwicklung persönlicher Qualifikationen, etwa das Erlernen von Teamführung oder Projektplanung, hilft, Vorgesetzten gegenüber überzeugend für eine Erweiterung des Aufgabenbereiches zu argumentieren – und sorgt so für mehr Zufriedenheit im Job.

Neigungen kennen, Ziele erreichen

Warum es für Jo Nesbø nichts wurde mit Tottenham? Ein Kreuzbandriss zerstörte alle Pläne für eine Sportkarriere. Der verhinderte Fußballstar musste drei Jahre Gymnasium nachholen, um studieren zu können – in selbstbewusster Erwartung der Profikarriere hatte er seinen Noten nämlich nicht allzu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Danach, sagt er, habe er studieren können, was er wollte. Was das war? „Ich hatte keine Ahnung“, gesteht der Bestsellerautor.  In dem erlernten Beruf als Wirtschaftsanalytiker ist er, obwohl erfolgreich, nicht geblieben. Manchmal brauchen eben auch Überflieger Starthilfe – oder etwas länger.

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